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 Juli bis August 1895

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Laura
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BeitragThema: Juli bis August 1895   Mo Sep 04, 2017 8:54 pm

Paris, 5. Juli 1895

Ein Korsett zu tragen, ist dieser Tage eine Qual. Zwei geprellte Rippen hat der Arzt festgestellt. Aber wenn ich mir Abby oder Mosley anschaue, dann kann ich nur dem Herrn danken, dass sie noch am Leben sind und ich so glimpflich davon gekommen bin.

Es ist spät in der Nacht. Die Kirchen haben bereits weit nach Mitternacht geschlagen. Aber statt in meinem Bett zu liegen, sitze ich hier an dem kleinen Tisch in dem kleinen Zimmer und versuche meinen Gedanken Halt zu verleihen.

An nichts haften sie so gut wie an festem Papier.

Ich kann Abby hinter mir ruhig im Schlaf atmen hören. Offenbar plagen wenigstens sie keine Alpträume. Meine sind wenigstens weniger geworden. Immer noch wache ich hin und wieder auf, werde von grauenhaften Bildern und Visionen meines aufgebrachten Geistes aus dem Schlaf gerissen. Aber meistens schaffe ich es danach mich zu beherrschen und wieder einzuschlafen.

Nicht meine Nächte bereiten mir Sorge.

Es sind die Tage die mich heute rastlos an den Füller getrieben haben.

Was geschieht nur mit uns? Wo sind wir da hineingeraten? In den letzten zwei Wochen habe ich ein Bordell gesucht, dort Jack gegenüber gestanden und es überlebt, nur um nach Paris zu reisen die Rosenkreuzer aufzusuchen und wieder mit den Rippern vereint, habe eine Explosion und einen weiteren Angriff überlebt.

Und immer noch sind wir ratlos, wissen nicht wer hinter den Obelisken, den entführten Professoren und diesen Angriffen steckt. Ist es auch Jack? Ich bezweifle das. Noch habe ich meine Zweifel nicht mit den anderen geteilt. Ich habe ja auch keine Beweise. Nur ein unbestimmtes Gefühl, dass wir uns nicht in einem, sondern in zwei Fäden verstrickt haben könnten ohne es bemerkt zu haben.

Was die Rosenkreuzer betrifft … endlich macht all dies Sinn, wenigstens halbwegs. Natürlich gibt es immer noch viele ungeklärte Fragen auf die ich Antworten haben will. Warum haben die Rosenkreuzer nicht bereits damals Van Helsings Aufzeichnungen den anderen offenbart, wo sie sie doch von jeder Schuld freigesprochen haben? Und wieviel Angst müssen Menschen gehabt haben um sich von einem auf den anderen Tag gegen Freunde und Verbündete zu stellen mit denen man doch jahrelang Seite an Seite gekämpft hat.

Die Sache ist allerdings die, wenn ich an das Gesicht des Reverends denke … wie er mich gestern ansah … dann beginne ich zu verstehen.

Ich glaube nicht, dass ich seinen Blick jemals vergessen werde. Und mit Sicherheit werden seine Worte mich noch in vielen Nächten verfolgen.

Er hat Angst vor meinen Fähigkeiten. Aber nicht nur das. Er hat Angst vor mir. Weil ich untrennbar mit meiner Kraft verwoben bin.

Das ist es was mich seit unserem Gespräch nicht mehr loslässt.

Ich mache ihm Angst.

Er hat Angst vor mir.

Egal wie oft ich es denke, egal wie oft ich diese Worte schreibe, sie verlieren dadurch nicht an Schärfe. Es hat mir wehgetan das aus dem Mund des Reverends zu hören. Ich selbst habe Angst vor meinen Kräften, Angst vor dem was geschehen könnte wenn ich mich nicht unter Kontrolle habe, wenn ich mich nicht beherrschen kann. Was ist, wenn ich eines Tages nicht eine Waschschüssel im Zorn zerbreche, sondern jemanden gegen eine Wand schleudere?

Ich muss mich beherrschen.

Ich muss die Natur meiner Fähigkeiten besser verstehen und sie vervollkommenen.

Dabei kann ich auch jetzt spüren wie sie stärker werden. Je öfter ich den Geist anderer Menschen berühre, desto besser beginne ich ihn zu verstehen. Es ist kein Buch, wie ich am Anfang dachte. Es ist eine Kommode. Eine Kommode mit dutzenden Schubladen die verschlossen sind und für die man nur den richtigen Schlüssel braucht.

Mittlerweile fällt es mir leichter den Verstand anderer zu verwirren oder in ihren Geist einzudringen.

Vielleicht sollte mich das beruhigen, denn dies kommt mit Sicherheit daher, dass ich meine Kräfte besser verstehe und lenken kann. Aber es ist wie ich dem Reverend sagte, auch ich habe Angst.

Angst vor dem was in einem Jahr sein könnte.

Angst davor was ich in einem Jahr alles tun könnte.


Alles passiert so schnell und ich muss irgendwie versuchen Schritt zu halten, mit mir selbst muss ich Schritt halten. Ich kann mir nicht erlauben hinter meinen Kräften zurückzubleiben.
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Laura
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BeitragThema: Re: Juli bis August 1895   Mo Sep 04, 2017 8:55 pm

Paris, 7. Juli 1895

Heute hat auch Abby die Aufnahmeriten der Rosenkreuzer vollzogen und ist nun wie ich ein vollwertiges Mitglied dieser Fraktion. Ich musste sie förmlich von den Büchern im Hauptquartier fortreißen. Aber allein der Herr weiß, was Reverend Danforth mit mir angestellt hätte, wenn ich zugelassen hätte, dass wir über Nacht fortbleiben. Geschweige denn, ich würde Abby alleine dort zurücklassen.

Seine Motivation ist wohl weniger übermäßige Besorgtheit um unsere junge Freundin als vielmehr Misstrauen gegenüber den Rosenkreuzern. Auch wenn der Reverend unserer Unternehmung seinen Segen gegeben hat, alte Vorurteile sterben nur langsam aus. Aber ich mache ihm keinen Vorwurf. Nein, ich verstehe ihn sehr gut. Dutzende Jahre von Misstrauen können kaum in drei Tagen hin fort gewischt werden.

Während Abby die Schriften der Rosenkreuzer zu studieren begonnen hat, konnte ich noch einmal mit Marie reden um sie umfassend ins Bild zu setzen. Wenn ich daran denken, welch unerklärlichen Schrecken wir gegenüber stehen, dann ist mir entschieden wohler dabei wenn eine Frau die ihr Leben okkulten Studien gewidmet hat auf unserer Seite steht. Ich bin mir sicher, dass wir auf Marie zählen können.

Allerdings hat sie mich auch auf das Ritual der Zigeunerin angesprochen. Auch wenn sie den Namen ihrer Quelle nicht preisgeben wollte, so kann ich mir schon sehr gut denken wer ihr davon erzählt haben muss.

Der Reverend würde nicht im Traum daran denken mich auf eine solche Art noch tiefer mit einem magischen Gegenstand zu verbinden.

Abby wäre mit dieser Idee zu mir gekommen.

Moseley … nun, er hat in den letzten Tagen sein bestes getan den Schrecken vergangener Woche in den Pariser Varietés und den Armen französischer Schönheiten zu verlieren.

Bleibt nur Sir Arthur. Ich bin sicher, dass ich recht habe.

An Bord der M.S. Washington, 10. Juli 1895

Wir sind mit der Morgenflut ausgelaufen. Abby zieht es auf das Promenadendeck und so habe ich unsere kleine Kabine ein wenig für mich.

Natürlich war es Lord Blackedda der mit Marie gesprochen hat. Als ich ihn gestern Abend noch darauf ansprach, gab er es freimütig zu. Wenigstens das muss ich ihm zugute halten. Denn seine Lordschaft ist fest davon überzeugt in meinem Interesse gehandelt zu haben. Was ja auch nicht falsch ist.

Immerhin meint er es gut mit einem.

Außerdem war es das erste Mal, dass er sich auf solch vollkommen inakzeptable Weise meiner persönlichen Angelegenheiten bemächtigt hat. Ich habe ihn daher deutlich darauf hingewiesen, dass sich dies keinesfalls wiederholen sollte.

Trotzdem war ich wohl ein wenig unhöflich und konnte meinen Ärger über seine Einmischung nur unzureichend beherrschen.

Es ist diese Selbstverständlichkeit seiner Lordschaft, die mich mehr verärgert als ich sagen kann. Was genau lässt ihn glauben, wir seien auf eine Art vertraut miteinander, die ein solches Verhalten rechtfertigt? Vermutlich hat er gar nicht darüber nachgedacht, dass er eine Grenze überschreitet und stattdessen so gehandelt, wie sein Gewissen es ihm verordnete.

Ich hoffe, dass er mich verstanden hat und dass es ein einmaliger Vorfall bleibt. Anderenfalls müsste ich noch deutlichere Worte finden um ihn in die Schranken zu weisen.


Boston 15. Juli 1895

Heute morgen sind wir in Boston eingelaufen.

Es war so ein seltsames Gefühl wieder vertraute Stimmen um mich zu haben. Fast wie ein viel geliebtes Lied am Sonntag in der Kirche zu hören. Ich wünschte, ich könnte das selbe über diese Heimkehr sagen.

Denn seit ich von Bord gegangen bin, fühlt sich alles falsch an. Unser Haus ist mir so fremd geworden.

Abby habe ich im Gästezimmer untergebracht. Auch wenn es ein langer Abend war, so scheint wenigstens sie jetzt ihre wohlverdiente Ruhe gefunden zu haben. Denn sie hat sich immer noch nicht von unserer Begegnung mit Jack erholt. Ich sehe es ihr an. Auch wenn sie es sich vielleicht nicht anmerken lassen will.

Aber heute Nacht beneide ich sie. Seit ich unser Haus betreten habe, kämpfe ich gegen das Bedürfnis an hinaus zu laufen und die Tür hinter mir zu zu schlagen. Was mich hält, ist allein die Hoffnung Antworten zu finden.

In einem fremden Bett würde ich heute wohl leichter Schlaf finden. Hier ist das unmöglich.

Das Haus ist so leer. Es war so häufig leer. So viele ungezählte Stunden habe ich alleine hier verbracht und es stets ertragen, sogar genossen. Aber die Stille und Leere die das Haus zu Boden drücken wie Regen das Gras sind anders.

Es ist eine erschreckende Leere, die von Dingen erzählt die Fehlen. Antworten die ich noch nicht habe.

Und diese verdammte Stille. Nur die Uhr ist zu hören.

Alles was zu erwachen scheint sind die Erinnerungen. Ich sehe ihn. Ich kann ihn hören, sein Lachen … den ungeduldigen Tonfall … das stürmische Schlagen einer zu eilig losgelassenen Tür … die schweren Schritte.

Seit ich unser Haus betreten habe, spüre ich Davids Abwesenheit wie ein Gewicht, das man mir um den Hals gehängt hat und das mich zu Boden zieht.

Mir bleibt nur auf Antworten zu hoffen und jetzt erst einmal das Geschirr zu waschen. Ich muss etwas zu tun haben. Ich kann nicht untätig sein. Untätig zu sein lässt mich zu viel nachdenken.

Boston 16. Juli 1895

[Ortsangabe und Datum sind unordentlich hingekritzelt. Winzige Tintenkleckse sind auf einer ansonst leeren Seite versprenkelt. Das Papier ist punktuell gewellt. Einzelne Wörter stehen als lose Satzanfänge für sich die nie vollendet worden.]

Boston 18. Juli 1895

Besuch bei Will Scott. Ich habe Davids Nachrichten an mich genommen. Als nächstes werden wir nach New York reisen.
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Laura
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BeitragThema: Re: Juli bis August 1895   Di Sep 05, 2017 10:54 pm

Karawanenstraße nach Kairo 30. Juli 1895

Unsere Karawane hat ihr Lager an einer Oase aufgeschlagen. Abby hat sich wieder einmal davon gestohlen um einige Worte mit dem seltsamen kleinen Mädchen zu wechseln, dass uns gestern versuchte das Märchen von der Schatzsuche in der Wüste aufzubinden.

Wenn man allerdings dieses Land sieht, dieses herrliche weite Land, dann kommt man in Versuchung tatsächlich zu glauben, dass sich hinter jeder Düne ein Geheimnis verbergen könnte. Ich sitze am Rand unseres Lagers und beobachte die Sonne, die sich immer weiter dem Horizont nähert. Es ist ein beruhigender Anblick. Aber es ist nicht diese atemberaubende Landschaft, sondern der Gedanke wie nahe ich David bin seit wir das Schiff verlassen haben. Wenigstens sind wir auf dem selben Kontinent. Das ist schon einmal was.

Wenn man es recht bedenkt, dann ist das ein ziemlich großer Fortschritt. Und wie es auch kommen mag, ich werde diesen Ort nicht ohne ihn verlassen.


Karawanenstraße nach Kairo, 1. August 1895

Morgen sollten wir Kairo erreichen.

Ich muss niemandes Gedanken lesen um zu bemerken, wie interessiert Abby und der Reverend an der Geschichte des Mädchens sind. Bei Abby kann ich es verstehen, immerhin hat sie in einem ähnlichen Geschäft gearbeitet. Auch wenn ich glaube, dass sie dort echte Antiquitäten verkauft haben. Was den Reverend angeht, da bin ich mir nicht so sicher.

Wenn ich ehrlich bin, geht mir bei all dem Gerede über Karten die den Weg zu einem Schatz weisen langsam die Geduld aus. Ein Scharlatan der ehrlichen Leuten das Geld aus der Tasche ziehen will und wir verschwenden vermutlich unsere Zeit damit ihm auf den Leim zu gehen.

Aber für’s erste genügt es mir, dass wir zuerst die Rippersloge aufsuchen. Dort werden wir dann weitersehen.

Kairo, 3. August 1895

[Janes Schrift ist unordentlicher als sonst. Gelegentlich finden sich kleine Tintenflecken auf der Seite die von Hast und innere Unruhe der Schreiberin zeugen]

Etwas stimmt nicht.

Der Ring hat sich heute verändert. Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Ein Spiel der Schatten in der Mittagssonne … alles nur keine Veränderung an diesem verdammten Ring! Man muss schon genau hinsehen um es zu bemerken. Es ist nur ein feiner schwarzer Rand der sich auf dem Stein gebildet hat. Aber er ist da und es sieht nicht aus als würde er bald wieder verschwinden.

Ich darf nicht zu lange darüber nachdenken was es bedeuten kann. Je länger ich grüble, desto besorgter werde ich.

Alles was ich tun kann, ist dafür sorgen, dass wir möglichst rasch aufbrechen.
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BeitragThema: Re: Juli bis August 1895   Di Sep 19, 2017 10:19 pm

Wüste, süd-östlich von Kairo

Schweigen legt sich über unsere Tage. Ein stilles Wasser, das manchmal von einem geworfenen Stein in Unruhe versetzt wird. Doch was uns jetzt noch bleibt, ist Stille. Es ist eine seltsame Stille. Unterbrochen vom Pfeifen des Wüstenwindes und hie und da einem jähen Wortwechsel.

Noch merkwürdiger aber ist die Stille in meinem Kopf. Als säße man an einem schönen, sonnigen Tag in der Abgeschiedenheit des eigenen Gartens. Man glaubt es sei still. Doch tatsächlich ist man von einem dutzend kleiner Dinge umgeben. Da ist das Summen der Bienen. Das Rascheln einer Maus im Laub und das Flattern von Vogelflügeln. Egal wie leise die Welt zu sein scheint, sie ist doch nie vollkommen still.

Und während wir die Stadt, jede Menschenseele in schier endloser Entfernung hinter uns lassen, desto mehr verstummt mein innerer Garten.

Das Summen der Gedanken ist verstummt. Ich glaube nicht, dass mir bisher klar war wie selbstverständlich ich gelernt habe mich vor den Gedanken anderer zu verschließen. Erst jetzt da kaum noch andere Menschen um mich herum sind - nur eine handvoll Freunde - beginne ich es zu begreifen.

Das Schweigen zwischen uns ist wie die endlose Weite der Wüste, unterbrochen von wortgefüllten Oasen. Und doch bin ich mir der anderen um mich herum seltsam bewusst. Ich kann es nicht recht beschreiben. Wir schweigen uns an und in der Stille streckt mein Geist tastend seine Finger auf und horcht auf das Echo fremder Gedanken. Selbstverständlich bleibe ich für mich. Aber trotzdem glaube ich zu spüren wie leicht es wäre wenn ich dem Instinkt nachgeben und hier und jetzt meinem Verstand freien Lauf ließe.

Es sind keine einfachen Stunden die vergehen. Je weniger Ablenkung der Tag bringt, desto länger ist er. Je länger der Tag, desto eher drohe ich mich in eigenen dunklen Ahnungen zu verlieren.
Ich schiebe sie beiseite.
Entschlossen schiebe ich jede Vermutung darüber was uns erwarten könnte bei Seite um bei klarem Verstand zu bleiben. Also greife ich auf die Übungen aus den Büchern der Rosenkreuzer zurück.

Und während die Sonne uns allen auf die Köpfe prallt, höre ich es … das Summen der Gedanken ist wieder da, doch viel leiser als ich es in Erinnerung habe. Ein Lied das durch die Stille meines Geistes dringt. Erst sind es nur einzelne Töne, doch bald schon glaube ich Melodien zu erkennen. Farben und wieder Töne. Wir alle denken so schnell, dass es kaum möglich ist zu sagen wann ein Gedanke beginnt und der andere endet.

Ich lasse weder Worte noch Bilder zu und doch kann ich ein Muster vom anderen unterscheiden. Fünf Menschen sind in der Leere der Wüste versammelt. So unterschiedlich wie ihre Gedanken, die alle anders klingen.

Unwillkürlich kommen mir Worte des Buches wieder in den Sinn: Wer von sich selbst gelöst ist, begreift das Fremde. Wer das Fremde begreift, versteht es. Wer es versteht, kann es berühren. Wer die Fessel der eigenen Gedanken abstreift, dessen Willen ist stärker.

Weiter und weiter zieht sich der Sand. Und während ich nichts habe als meinen Geist um mich abzulenken, beginne ich zu begreifen, was es heißt sich von sich selbst zu lösen.

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In den Dünen jenseits der Ruinen

Ungeduldig gehe ich hinter dem Reverend auf und ab. So ist die Kälte wenigstens ein wenig leichter zu ertragen. Aber schlimmer als der Nachtfrost ist es zur Untätigkeit verdammt worden zu sein. Seine Lordschaft hat sich eben schlafen gelegt und so bleiben nur Danforth und ich zurück.
Der Reverend hat keine aufmunternden Worte für mich übrig, nur grimmige Entschlossenheit. Und dafür bin ich ihm sehr dankbar.
Immer wieder bleibe ich auf einer der Dünen stehen und spähe im Schutze der Dunkelheit zu den Ruinen hinüber. Alles in mir will aufbrechen - sofort - alleine wenn es denn nötig sein sollte um selbst an diesen seltsamen Ort zu gelangen und nach David zu suchen.

Dieses eine Mal bereue ich es schon fast, dass ich mir selbst nicht nachgegeben habe. Denn auch wenn ich weiß, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, fühlt es sich furchtbar falsch an zurückgeblieben zu sein.

Während die Nacht dem Morgen entgegen kriecht, nehme ich die eine oder andere Tasse Tee vom Reverend entgegen. Im Schein des Feuer kann ich mein Spiegelbild auf der metallischen Kanne erhaschen. Kurzes kastanienbraunes Haar, ein sonnenverbranntes Gesicht und müde graue Augen. Ich schaue auf mein Gesicht und sehe Hoffnung und Verzweiflung gleichermaßen in meinem Blick.

Entschlossen stehe ich auf und gehe zurück zum Ort meiner stummen Wacht. Wenigstens, denke ich, wenigstens wird es bald vorbei sein.
Ich schaue zu den Ruinen, die nur schwach erleuchtet sind. Frage mich wo David sein mag und als ich diesen Gedanken zu lasse, schließt sich die Hand fest um meinen Ring.

Ich werde diesen verfluchten Ort nicht ohne ihn verlassen.

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In den Ruinen

Als die Schüsse durch die Ruine schallen, richte ich mich ohne es zu wollen auf. Ich starre auf den Punkt an dem ich Moseley zuletzt gesehen habe. Aber er war so rasch auf den Pfoten. Wieder fallen Schüsse und jetzt habe ich die Geistesgegenwart mich stattdessen flach aufs Dach fallen zu lassen.
Ich zwinge mich dazu liegen zu bleiben, während ich in der Ferne Bewegung in den Gassen höre. Männer die auf arabische harsche Worte wechseln.

Mein Herz schlägt jetzt so schnell, dass ich das Gefühl habe jeder kann es hören. Dieses Auf und Ab in meiner Brust.

Und es ist heiß. Auf dem Dach ist es so unerträglich heiß. Zum Glück habe ich einen Leinenschal vor dem Gesicht. So atme ich den Staub des Daches wenigstens nicht ein während ich mit dem Gesicht im Dreck liegen bleibe. Immernoch schlägt mein Herz schrecklich schnell und mein Atem geht unregelmäßig. Ich habe Angst. Angst mich zu bewegen, Angst vor dem was jetzt geschehen wird.

Aber die Welt hält nicht an. In der Ferne sind wieder fremde Stimmen zu hören. Also schließe ich die Augen, ein stummes Gebet auf den Lippen und richte mich ein wenig auf.

Vorsichtig krieche ich bis zu der kleinen Lücke in der Mauer und spähe so verborgen durch die Gassen. Unter mir im Haus regt sich etwas und kurz darauf höre ich Abby, wie sie sich schwer atmend hinter mir auf das Dach zieht.

Gerade als ich ihr berichten will was geschehen ist, bemerken wir den Mann mit der tintenen Schlange die sich an seinem Hals entlang frisst. Er ist jung … so jung … zu jung um an einem Ort wie diesen zu sein und mit einer Waffe in der Hand suchend durch die Gassen zu streifen.

Ich schließe die Augen.

Wenn er doch vorbeigehen würde. Oh Gott, wenn er uns nur nicht findet. Wenn er einfach nur vorbeigehen würde.

Als ich wieder hinsehen kann, ist er nur noch wenige Schritte von unserem Haus entfernt. Ich schaue zu Abby, die neben mir liegt. Wenn er Alarm schlägt ist es um uns alle Geschehen.

Ohne viel nachzudenken, hebe ich die rechte Hand an die Schläfe. Ich muss ihn ja nur ein wenig verwirren, etwas ablenken. Vielleicht wird er uns dann nicht bemerken. Wenn ich ihn verwirre, wird er vielleicht nicht nach oben schauen oder in das Haus sehen.

Nicht nach oben schauen. Einfach nur nicht nach oben schauen.

Es ist mein Gedanke. Es ist der einzige Gedanken für den Platz bleibt und plötzlich ist mir, als würde mein Kopf grob unter eiskaltes Wasser getaucht werden.

Ich stehe in der Gasse und starre auf meine Füße. Die Waffe ist schwer in meinem Arm, so furchtbar schwer.

Ich tauche wieder auf, schnappe nach Luft wie ein Ertrinkenden. Doch es bleibt kaum Zeit.

Ich gehe weiter. Er geht weiter.
Ich sehe alles, nur nicht dass, was ich nicht sehen soll. Er sieht uns nicht.


Während ich begreife, weiten sich meine Augen voller Angst. Aber ich spüre sie kaum. Stattdessen gleiten meine Finger über den Simms und zeichnen einen Weg und der Mann bewegt sich in abstruser Harmonie zu meinen Gedanken. Ich schaue ihm nach und erst als er verschwunden ist, als wir in Sicherheit sind, löse ich meinen Griff um seinen Geist.

Und im selben Moment als ich wieder ganz und gar ich selbst bin, spüre ich wie sich die Angst mit kalten Fingern um mich schließt und mir die Luft zum Atmen sieht. Ich schaue zu Abby und mir wird eisig.
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BeitragThema: Re: Juli bis August 1895   Di Okt 10, 2017 9:59 pm

12. August 1895

Ich kann mich nicht erinnern je einen schlimmeren Tag durchlebt zu haben. Und doch ist ein Teil von mir so von Glück und Dankbarkeit erfüllt, dass Worte nicht ausreichen.

Er lebt. David lebt und er ist wieder da. Furchtbar geschunden zwar, aber wieder bei mir. Danforth sagt er kommt durch und ich glaube ihm. Ich bin so froh, dass alle noch am Leben sind. Abbys und Mosley haben dem Tod wie es aussieht gerade so noch ein Schnippchen schlagen können. Gott sei Dank.

13. August

Auf einen schrecklichen Tag folgt wohl eine noch schlimmere Nacht. Ich habe kaum Schlaf finden können. Und wenn ich einmal doch weggenickt bin, hat er schon auf mich gewartet. Der Mann aus den Ruinen. Ich höre seine Stimme in meinem Kopf und spüre wie er versucht die Fesseln meines Geistes zu sprengen. Ein verzweifeltes Ringen um Freiheit. Aber am Ende liegt er doch nur wieder tot vor mir im Staub.

[...]

David ist aufgewacht.

14. August

Ich kann kaum beschreiben wie es sich anfühlt David wieder zu haben. Wenn ich mich umschaue, scheint er ständig in meiner Nähe zu sein und ich bin auch nie zu weit von ihm entfernt. Und ich schaue ihn oft an, nur um sicherzugehen, dass er wieder da ist; dass er wirklich wieder da ist und nicht verschwindet.

Wir haben heute lange miteinander geredet und danach noch lange beieinander gesessen.

Mir ist als wäre eine Last von meiner Schulter genommen worden. Als könne ich plötzlich wieder aufrecht gehen. Ich habe kaum gemerkt wie sehr mich die letzten Wochen mitgenommen haben.

Es geht mir nicht gut. Ich fühle mich verletzlich und weiß immer noch nicht wann ich wieder guten Gewissens in einen Spiegel schauen kann. Aber seit ich David von allem erzählt habe, geht es mir besser. Ich hatte solche Angst, dass er mich ansehen könnte wie Abby oder Danforth. Ich weiß nicht, was ich dann getan hätte … Aber nein, er hat mich einfach in den Arm genommen. Er hört zu und statt mich zu verdammen oder sich vor mir zu fürchten, redet er mir gut zu. Wenn ich mich mit seinen Augen zu sehen versuche, dann wiegt meine Schuld wenigstens ein bisschen leichter.

16. August

Sir Arthur hat es sich in den Kopf gesetzt herauszufinden wonach dieser Schlangen-Kult (?) gesucht hat. Warum auch nicht, Abby und David brauchen beide noch Ruhe und sollten erst in ein paar Tagen weiterreisen. Wir alle sind hier sehr eng beeinander. Da die Hälfte von uns wenigstens angeschlagen ist, wird viel geruht und das heißt natürlich, dass wir anderen mehr Wache halten müssen.

Ich habe seit Tagen keine Nacht mehr durchgeschlafen. Die Alpträume hören einfach nicht auf. Wenn ich aufwache, versuche ich mir nichts anmerken zu lassen. Ich starre einfach in die Dunkelheit und horche auf das Knacken des Feuers. Aber David bemerkt es meistens. Er schläft selbst sehr unruhig und hat mich auch schon geweckt. Wir haben beide schlimme Träume. Aber ich habe ihn noch nicht nach seinen gefragt, ich habe eine ungefähre Vorstellung was es sein muss. Wenigstens ist es leichter gemeinsam wieder in den Schlaf zu finden.
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Juli bis August 1895
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