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 Februar - März: Jagd auf Ryan Mark

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Pantaleon

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Anzahl der Beiträge : 14
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BeitragThema: Februar - März: Jagd auf Ryan Mark   Mo Sep 04, 2017 11:12 pm

23. Februar, 1895 AD
Der Tag nach dem lästerlichen Empfang von Dorian Gray. Ein grauer Morgen. Ich statte Thiess von Kaltenbrunn einen Besuch ab. Der Mann ist von der Enthüllung seiner Sünden noch immer schwer gezeichnet. Er hat schlimme Verbrechen begangen und leidet schwer unter der Last von Gottes Strafe. Der Herr vergisst nie, doch der Herr ist auch gnädig. Herr von Kaltenbrunn scheint ein ehrenwerter Mensch zu sein, und willig Buße zu tun. Der Herr sei mit ihm.
Der Nachmittag bringt Enttäuschung. Der Ryan in der Schreinerei war der Falsche. Ryan Mark scheint wie ein Geist. Ungreifbar und doch ständig zur Stelle. Doch er kann mir nicht entkommen. Ich werde ihn noch früh genug stellen. Doch was will er? Er hat die Notizen von Edmund gefunden, doch was schließt er daraus? Ist er reinen Herzens doch hält nun Edmund und ich für ketzerische Diener Satans? Oder ist er selbst dem Reiz des Teufels verfallen? Weiß er von der Rolle, die ich am Tod seines leiblichen Vaters spielte? Hält er gar Edmund für unschuldig und mich allein für den Ketzer? Egal was seine Ansichten sind, er wird mich für seinen Feind halten. Und wenn er tatsächlich dem Teufel verfallen ist, so tut er gut daran, mich zu fürchten.

24. Februar, 1895 AD
Eine weitere unruhige Nacht, geplagt von schaurigen Albträumen. Ich sah Flynn, den Rücken zu mir gewandt, doch sein Kopf drehte sich langsam zu mir herum. Seine Haut war bleich und als er zu sprechen begann, da zerbarst sie wie Porzellan. „Du hättest es verhindern können!“ ruft er noch. Die leisen Stimmen eines Chors singen das Vater Unser in der Ferne.
Die Träume werden schlimmer und näher. Sind es Zeichen? Ist es der Herr, der mir die Möglichkeit geben will, meinen Gefährten vor dem Tod zu bewahren? Oder ist es der Teufel, der mich verhöhnt? Hat Ryan Mark gar seine Finger hier im Spiel? Aber wie?
Mit dem neuen Morgen wird das Gefühl der drohenden Gefahr nicht besser. Gegen neun taucht die Scharlatanin auf. Hekate, wie sie sich nennt. Eine Frau mit mehr übernatürlichen Gaben als Vernunft. Sie scheint ihren Verstand vor der Wahrheit verschließen zu wollen, meine Worte und Enthüllungen treffen bei ihr auf eine Wand. Wenigstens lässt sie sich von Mr. Finnigan dazu überreden, uns einen Tag zu begleiten. Ich spüre zwar Neugier, doch aus den falschen Gründen. Sie könnte nützlich sein, doch sie bringt sich nur selbst in Gefahr. Ich werde nicht für ihren Tod verantwortlich sein, doch ihre Sicherheit ist nicht meine Aufgabe.
Wenigstens hört Mr. Finnigan auf mich als ich dazu dränge, Mosley’s Zimmer aufzusuchen. Dort finden wir Verwüstung. Mosley ist laut Haushälterin seit drei Tagen verschwunden. Zwar beweisen sich meine Sorgen als begründet, doch es werden nur noch mehr Fragen aufgeworfen. Mosley’s Habe samt Schuhen und Revolver sind noch vor Ort. Ein Einschussloch in der Wand, aber kein Blut. Offensichtlich aus seiner Waffe abgefeuert. Ein offenes Fenster und Schleifspuren am Rahmen.
Nachdem sich Fräulen deMelune endlich blicken lässt kann sie uns nach einer Untersuchung sagen, dass scheinbar in dem Zimmer schwache Überreste eines Zaubers zu spüren waren.
In der Nachbarschaft scheint niemand etwas zu wissen.
In meinem Traum hörte ich einen Kirchenchor? Ein Hinweis auf seinen Aufenthaltsort? Wir untersuchen die nächste Kirche, doch auch Dort ist man ratlos. Der Pfarrer erklärt jedoch, dass die Kirche nachts als Obdach für die Ärmsten offensteht.
Ich gehe zu Bett mit Furcht vor den Träumen, die da kommen werden, doch gleichzeitig sehne ich sie herbei. Ich bete für ein Zeichen des Herrn, dass er mir den Weg zeige.

25. Februar, 1895 AD
Auf einem kargen Steinaltar, nur beleuchtet von einigen Kerzen sah ich Flynn Mosley liegen. Regungslos, gefesselt. Über ihm prangt ein großes massives Kruzifix. Ich konnte in der Dunkelheit nichts Anderes ausmachen, auch der Chor war verstummt. Doch stattdessen hörte ich etwas noch Schrecklicheres: Das feuchte Schmatzen einer hungrigen Kreatur.
Ein Gewölbe mit einem großen Kruzifix, und Altar, scheinbar Fensterlos und außerdem Versammlungsort eines Chors. Sollte es sich hier womöglich um ein Kloster handeln? Welcher andere Ort könnte diese Dinge vereinen? Doch in London gibt es dutzende religiöse Einrichtungen, Klöster aller Konfessionen. Wir müssen einen Experten befragen. Meine Brüder im Archiv des Bischofs können weiterhelfen.
Tatsächlich. Ich bin den Herren Bibliothekaren zu Dank verpflichtet. Sie kennen diese Stadt. Drei Klöster kommen für diese vage Beschreibung in Frage: Kloster St. Andreas, St George, und St Paul.
In den Händen dieser drei Heiligen liegt das Schicksal meines Gefährten. Womöglich sogar noch viel mehr. Der treue Märtyrer, der Krieger im Namen des Herrn, und der bekehrte Krieger und Verbreiter des heiligen Wortes. Für wen werden wir uns entscheiden? Für welchen dieser Wege werde ich mich entscheiden? Ist es meine Aufgabe, für meine Überzeugungen einzutreten oder den rechtschaffenden Kampf zu den Kreaturen der Finsternis zu tragen? Oder soll ich das Schwert niederlegen? Soll ich stattdessen unsere Mächte im Namen des Herrn vereinen und den Blick zum Horizont erheben? Wir werden es bald erfahren.
Gott, führe meine Schritte zu meinen Gefährten und leite meine Hand im Kampf. Lass mich nicht wanken im Angesicht des Teufels. Lass mich dein Werkzeug in diesem Krieg sein. Das Schwert, das die Unreinen niederstreckt, das Schild, das die Ehrenvollen schützt. Amen.
Pantaleon
Korporal





25. Februar, 1895 AD, abends
Die Dämmerung bricht herein und Mr. Finnigan, Ms. Sheehan und ich machen uns auf den Weg. Nach Whitechapel zum Kloster St George, dann Kloster St Andrews in New River Head und schließlich nach Chelsea zum Kloster St Paul. An einem dieser Orte wartet Flynn Mosley auf unsere Hilfe. Wartet sein Entführer. Wartet Ryan Mark.
Mr. Finnigan uns Ms. O‘Sheehan planen eifrig, wie man sich am besten Zugang zu den Katakomben dieser altehrwürdigen Gemäuer verschaffen könnte. Mir ist nicht nach solchen Gesprächen zu Mute und ich halte sie nicht für nötig. Die zwei haben offensichtlich Angst, dass ich zu viel über unsere Absichten ausplaudere. Ich bin enttäuscht, dass sie Ehrlichkeit und Dummheit so sehr verwechseln. Selbstverständlich werde ich den Brüdern hier nicht von den grausamen Ritualen erzählen, die womöglich in ihren Mauern vollzogen wurden, oder von der Bestie, die unter ihnen hausen könnte. Die meisten von ihnen mögen rechtschaffende Diener Gottes sein, doch ich habe gelernt, dass die süße Zunge jeden Menschen zu verführen vermag.
Ich mache mir außerdem Sorgen um Mr. Finnigan. Ich fürchte er hat unser Beichtgespräch nicht ernst genug genommen, denn noch immer kommen ihm die Lügen zu leicht und zu schnell über die Lippen. Er mag ein guter Lügner sein und es mag uns viele Pforten öffnen, doch eine in guter Absicht begangene Sünde bleibt noch immer Sünde. Eine gute Tat wäscht nicht die schlechten rein. Ich selbst weiß dies nur zu gut.

Wir erreichen St George. Ein altes doch gepflegtes Franziskanerkloster, umschlossen von einer soliden Mauer und umringt von den einfachen Häusern Whitechapels. Ich klopfe an der Pforte. Ein Bruder öffnet und ich schildere unser Anliegen: Ein guter Freund schwebt in Lebensgefahr und in Träumen die der Herr mir gesendet hat sah ich alte Klostergewölbe, was uns schließlich hierher führte. Nach Rücksprache mit dem Abt gewährte man uns Zugang zu den Katakomben, doch schnell erkannte ich, dass wir am falschen Ort waren. Die Gänge, die Steine, das Gewölbe, nichts davon stimmte mit den Bildern überein, die ich in den vergangenen Nächten gesehen hatte. Nichtsdestotrotz waren es keine vergebenen Mühen. Das Kloster St George in London ist Bewahrer des Oberschenkelknochens des Heiligen, und damit einer der wertvollsten Reliquien ganz Großbritanniens. Ich nutze diesen Moment für ein eingehendes Gebet an den Heiligen Georg. Möge er uns auf unser Suche unterstützen. Möge er mir im Kampf gegen Ryan Mark und jegliche Gefahren beistehen, die uns den Weg zu Mr. Mosley versperren.

Wir verweilen nicht lange. Die Nacht ist inzwischen hereingebrochen, doch wir haben noch einen weiten Weg nach New River Head vor uns.
Das Kloster St Andrews liegt nicht so fest umschlossen von Häusern wie St George. Hier draußen gibt es noch freies Feld, Bäume und Hügel. Das Kloster selbst steht etwas abseits von den nächsten Gebäuden und erscheint stockfinster. Etwas versetzt vom eigentlichen Kloster steht die Kirche. Sie hat bessere Tage gesehen. Der Turm ist eingestürzt, die Eingangspforte mit morschen Brettern vernagelt. Über das Dach scheint es einen Zugang ins Innere zu geben. Abgelegen, geräumig, verlassen. Ein hervorragendes Versteck für Ryan und seine schändlichen Vorhaben.
Alles scheint soweit ruhig, doch Schein ist trügerisch. Finnigan steigt aufs Dach für einen Blick ins Innere., ich besorge eine Laterne von unserem Kutscher. Der Mann stört, stellt zu viele Fragen. Es gibt eine Zeit und einen Ort für behutsame Seelsorge, doch nicht hier und nicht jetzt.
Als ich Mr. Finnigan die Laterne reichen möchte, rutscht er ab und muss abspringen. Dabei war es unmöglich ein gewisses Phänomen zu übersehen. Steine, die ihn hätten treffen müssen sprangen wie von Geisterhand bewegt zur Seite und Funken stoben von seinem Mantel. Höchst interessant. Deshalb wollte er also wissen, ob übernatürliche Fähigkeiten und christlicher Glaube vereinbar sind. Ich werde darüber noch einmal mit ihm reden müssen. Mich interessiert warum er es für nötig hielt, seine Fähigkeiten zu verheimlichen. Hat er Sorge, ihretwegen verfolgt oder bestraft zu werden? Hat er schlechte Erfahrungen damit gemacht? Oder sind diese magischen Funken das blutige Messer unter dem Mantel des Verbrechers? Er macht nicht den Eindruck eines Schurken, doch Eindrücke sind irreführend. Ich darf mich nicht von unserer vermeintlichen Freundschaft davon abhalten lassen, ihn genauer unter die Lupe zu nehmen. Doch für solche Zweifel ist jetzt keine Zeit. Wir haben dringendere Probleme.
Wir entschließen uns dazu, das versiegelte Kirchentor aufzubrechen. Der Kutscher klagt. Er soll den Mund halten oder verschwinden. Ich habe gerade keine Zeit für ihn. Mr. Finnigan und ich hebeln die Bretter ab und entfernen einen weiteren Balken, der von Innen den Zugang versperrt, leider jedoch nicht ohne dabei einen fürchterlichen Radau zu machen. Falls sich irgendjemand, irgendetwas, in diesem alten Gotteshaus versteckt, dann weiß es spätestens jetzt, dass wir kommen, und tatsächlich: Ich kann nicht sagen was, doch wir können vernehmen wie etwas behendes durch die undurchdringliche Finsternis huscht. Dem Kutscher ist das genug um Reißaus zu nehmen. Ich kann es ihm nicht verübeln. Kein Verstand sollte leichtfällig den Gefahren der Nacht ausgesetzt werden.
Ms. O’Sheehan nimmt die Laterne, Mr. Finnigan prüft seinen Revolver. Es scheint wieder still, als plötzlich aus der halboffenen Pforte eine Stimme an unsere Ohren dringt. Kalt, rauh, verächtlich. „Komm rein, Hiram“
Schluss mit der Heimlichkeit. Ich stoße die Türflügel auf und trete hinein.
„Ryan? Bist du das?“ rufe ich in das Dunkel. Plötzlich entflammen auf den Seiten des Kirchenschiffs zwei Fackeln. Es ist also Hexerei im Spiel. Ich lasse einen kurzen Blick durch das Kirchenschiff schweifen. Jenseits des Eingangsbereiches hält sich die Zerstörung deutlich in Grenzen. Nur hier finden sich einige zerbrochene Balken aus dem beschädigten Turm. Über mir befindet sich eine hölzerne Zwischendecke, die wahrscheinlich die Orgelempore trägt. Rechts von mir führt eine schmale Treppe nach oben. Das Schiff ist gut 60, 70 Fuß lang, die Bänke eingestaubt. Die rauchenden Fackeln lassen ihre langen Schatten höhnisch über die Bruchsteinmauern tanzen. Der Chor samt Altar liegt noch in Finsternis gehüllt.
Erneut ertönt die spottende Stimme: „Wie typisch für dich, Hiram, dass du deine Gefährten mit dir ins Verderben ziehst.“
Wo ist Ryan? Die Stimme scheint von oben zu kommen.
„Ryan Mark, komm herunter!“, rufe ich in seine Richtung, doch er lacht nur.
„Nein. Nun ist die Zeit meiner Rache gekommen“, antwortet er.
Mit ohrenbetäubendem Krachen werden jäh die sorgfältig aufgereihten Kirchenbänke durch unsichtbare Macht an die Seiten geworfen und zischelnd und fauchend entfachen entlang der Wände weitere Fackeln bis der ganze Saal in loderndes, glühendes Licht getaucht ist. Im höllengleichen Flackern der Fackeln kann ich nun sechs wankende, Gestalten am anderen Ende der Kirche ausmachen. Auf den ersten Blick erscheinen sie menschlich, doch sie sind blass und bewegen sich mit leblosem, schlurfenden Gang auf uns zu. Meine Finger ballen sich krampfhaft um meinen Stock, als ich sie als wandelnde Tote erkenne. Nichts ist Ryan heilig. Vor nichts schreckt er zurück. Hinter den Gestalten erkenne ich nun das große Kreuz das umgekehrt über dem Altar hängt, den ich aus meinem Traum kenne. Und auf dem Altar – ein regloser Körper. Mosley!
Stumm deutet Mr. Finnigan zur Treppe und. Ich nicke und er macht sich mit Ms. O’Sheehan sachte auf den Weg zum Aufgang. Ich selbst trete weiter vor.
„Was hast du mit Mr. Mosley gemacht? Hast du ihn auch umgebracht?“ Ich versuche ihn abzulenken, sodass ihn Mr. Finnigan womöglich überrumpeln kann.
Nur ein trockenes Lachen. „Er hat… seinen Zweck erfüllt.“ Trockenes Lachen, dann ein zufriedenes, theatralisches Schmatzen.
Mein Blick verdüstert sich. Ich höre die Völlerei in seiner Stimme.
Die Guhle kommen immer näher. Der Worte sind genug gewechselt. Ich betätige den Verschluss m Hals meines Gehstocks und lasse die klinge aus dem Schaft gleiten. Das lodernde Fackellicht bricht sich in dem spiegelglatten Stahl und lässt ihn in Gottes rechtschaffendem Feuer erglühen. Gelobt sei der Herr, mein Fels, der meine Hände den Kampf gelehrt hat, meine Finger den Krieg. (Psalm 144)
Ich stelle mich den schlurfenden Gestalten. Ihre Augen sind Leer und starr, ihre Haut hängt in fahlen Lappen von ihren modrigen Knochen. Mir stockt der Atem, als ich ein Gesicht erkenne. Nein! Es ist unmöglich! Er sollte in einem Grab in Lancaster liegen! Einem Grab, dass ich noch vor wenigen Tagen selbst gesehen hatte! Doch meine Augen trügen mich nicht. Es ist Edmund. Nach acht Jahren in einem Sarg ist nicht mehr viel von ihm übrig, doch ich erkenne noch zu gut die dunklen Abdrücke an seinem Hals. Doch aus dem Schock wird rechtmäßiger Zorn. Wer Jesus nicht liebt, sei verflucht! (1Kor 16, 22) Diese Gestalten sind nur noch Marionetten eines frevelhaften Verräters gegen Gott, und es gilt ihn zu besiegen. Ich lasse mich nicht durch solche kläglichen Maschen ablenken. Die langsamen Schwinger der wandelnden Toten stellen keine Gefahr für mich da.

Dann sehe ich ihn. Ryan Mark. Kaum älter als ich ihn in Erinnerung habe. Er schwebt hoch in der Luft, mit ausgebreiteten Armen und süffisant verzerrtem Gesicht. Sein blondes Haar ist sorgfältig gescheitelt, seine Haut erscheint Leichenblass und gehüllt in teure, extravagante Kleidung. Widernatürliche rote Augen stieren herab zu mir. Ich stelle mich ihm mit aufrechtem Blick.
Ich sehe Hochmut, ich sehe Trägheit, ich sehe Gier. Todsünde.
Endlich kommt er zu mir herab, landet im Kreis seiner Marionetten. Er zieht ein Schwert. Die Zeit für Taten ist gekommen. Herr, lass mich nicht zögern.
Den ersten Schlag kann ich parieren, deine stumpfsinnigen Handlanger versuchen mir näher zu kommen, doch ich kann ihnen ausweichen. Der Feigling wagt es nicht, sich mir alleine zu stellen. Ich weiche zurück. Hinter mir liegt der schmale Aufgang zur Orgelempore. Dies ist mein Ziel. Dort ist seine Überzahl hinfällig. Dort kann ich ihn besiegen.
Ryans Schläge kommen gezielt und schnell, doch er ist bei weitem nicht so mächtig, wie er glaubt. Ein gezielter Stich meiner Waffe windet sich durch seine Abwehr und seine Jacke, doch er verzieht keine Miene. Unbeirrt lässt er weiter seine Hiebe mit scheußlicher Geschwindigkeit auf mich regnen, schneller als ein Schwert wie dieses je dürfte. Verbissen muss ich all meine Kraft aufwenden, um im standzuhalten.
Ich höre wie Schüsse an meinem Ohr vorbeisausen, aus dem Augenwinkel sehe ich einen der wandelnden Toten zu Boden gehen. Finnigan gibt mir Deckung, doch im Kampf gegen Ryan kann er mir nicht helfen.
„Gib auf, Hiram! Du weißt, dass du verloren hast!“
„Die Furcht des Herrn hasst das Arge, die Hoffart, den Hochmut und bösen Weg; und ich bin feind dem verkehrten Mund!“ (Sprüche 8, 13)

Rufe vom anderen Ende der Kirche. Die Guhle lassen ab von mir, verschwinden in Richtung Chor. Warum? Keine Zeit, darüber nachzudenken. Da spüre ich einen stechenden Schmerz in meiner rechten Schulter, warmes Blut durchtränkt meine Kleider. Das kann es nicht sein. So werde ich nicht enden! Ich trete zurück, versuche Distanz aufzubauen. Zu dir rufe ich, Herr, mein Fels. Wende dich nicht ab von mir! Ich kann Ryan nicht mit meinen Händen besiegen, doch der Herr ist meine Kraft und mein Schild, auf ihn vertraut mein Herz! (Psalm 28) Ich hebe mein Kruzifix empor. Das massive Silber wiegt schwer in meiner Hand und verleiht mir neuen Mut.
Ich hole aus und lege mein Schicksal in Gottes Hände. Mit einem Satz nach vorn schmettere ich Ryan das Kreuz entgegen, doch er weicht schlangengleich aus. Nur am Arm streife ich ihn knapp. Er faucht und bleckt mörderische Zähne.
„Und Jesus sprach: Ich bin gekommen um die Welt in Flammen zu setzen! Ich möchte nichts lieber, als dass sie schon brenne!“ (Lk 12, 49)
Erneut schwinge ich mit neu gefundener Kraft nach der abscheulichen Kreatur vor mir, diesmal treffe ich ihn besser. Panisch reißt er noch den Arm nach oben, doch ich spüre wie geweihtes Silber gegen Knochen kracht. Sein unheiliges Fleisch zischt, wirft Blasen, Dampf steigt auf. Ich setze nach, doch mein nächster Schlag geht ins leere.
Ryan weicht zurück und ich sehe wie seine Gesichtszüge verschwimmen. „Es ist nicht vorbei!“ Zischelt er während sein Leib mehr und mehr zu Rauch zerfließt.
„Nein! Bleib hier und stell dich, Feigling!“
In Gestalt wabernder Rauchschwaden rauscht Ryan davon zur Eingangspforte.
„Du kannst mir nicht entkommen! Niemand kann Gottes gerechter Strafe entkommen!“ Ich stürze ihm hinterher. Die kalte Nachtluft schlägt in mein glühendes Gesicht. „Du kannst mir nicht entkommen!“ Wo ist er hin? Ich renne den Hang hinunter, Schwert und Kreuz bereit zum Schlag. Er ist entwischt. Ich muss die anderen holen, wir müssen ihm auf den Fersen bleiben!
Ich stolpere weiter. Er ist entwischt. Er darf nicht – Ich falle auf meine Knie. Er ist entwischt.
Schritte hinter mir. Ich drehe mich um und sehe O’Sheehan wie sie den schwer verletzten Mosley auf dem Weg durch die Kirche stützt. Links und rechts von ihm liegen die leblosen Hüllen von Ryans Marionetten. Finnigan eilt die Treppe von der Empore herab, Revolver noch in der Hand.
Moment… O’Sheehan… wie kam sie nach unten? Mein Blick wird unscharf. Ich spüre, wie der Rausch des Kampfes nachlässt. Mein Knie Brennt als wäre es mit flüssigen Blei ausgegossen. Prüfend führe ich die Hand zu meiner rechten Schulter. Stechender Schmerz. Blut, heiß und pulsierend. „Wir brauchen einen Arzt.“

Dieser Doktor Barnesbury scheint sein Handwerk zu kennen, doch die Wunde, die Ryan mir geschlagen hat, lässt ihn an seine Grenzen stoßen. Hat er eine verfluchte Klinge benutzt? Gift? Ich traue ihm alles zu. Immerhin konnte der Arzt die Wunde säubern und verbinden. Nun liegt meine Heilung in Gottes Händen.
Wir müssen zurück in die Kirche. Die anderen wollen in die Loge zurückkehren, doch wer weiß, was Ryan in seinem Schlupfwinkel noch versteckt hält? Wir haben ihn vertrieben, doch was, wenn er zurück kommt? Vielleicht können wir ihm auflauern und ihn doch noch ein für alle Mal auslöschen!
Ich stemme mich in die Höhe, doch ich merke wie meine Beine unter mir nachgeben. Gerade jetzt will mich mein Leib im Stich lassen? Als ob der Teufel mich verhöhnt. Ich seufze schwer.
„Mr. Finnigan, Sie sind noch in gutem Zustand. Können Sie die Kirche noch einmal untersuchen, bevor sie diesen Ort verlassen? Wir können sie Morgen genauer unter die Lupe nehmen, aber wir müssen sichergehen, dass Ryan nicht die Gelegenheit hat, seinen Plan fortzusetzen.“
Er stimmt mir zu. Sehr gut. Auf ihn ist also doch Verlass.
Ich kehre mit Mosley und O’Sheehan zur Loge zurück. Diese Nacht bleibt traumlos.



28. Februar, 1895 AD
Nach den unglaublichen Erkenntnissen, die Miss O’Sheehan über Thiess von Kaltenbrun hat ausgraben können, machen wir uns erneut auf dem Weg zu ihm. Jetzt, da sein Geheimnis sich uns scheinbar erschließt, ist er uns eine Erklärung schuldig. So mache ich mich an diesem Morgen zusammen mit einer neugierigen Ms. O’Sheehan und einem offensichtlich erzürnten Mr Mosley auf den Weg zu dem kleinen Haus von Kaltenbrun. Wir werden eingelassen durch die Haushälterin bevor Mosley die Gelegenheit hat, die Tür einzutreten. Ich fürchte der Amerikaner hätte unseren Gastgeber ohne mit der Wimper zu zucken am Kragen gegen die Wand gepinnt, hätte Kaltenbrun uns nicht in seinem Schlafzimmer empfangen.
Der alte Mann macht einen schwachen Eindruck. Entkräftet, des Lebens müde doch eigenartig zufrieden. Wir legen ihm dar, was wir in Erfahrung bringen konnten. Zu unserer Überraschung ist er sogar dankbar, da er selbst einige dieser Informationen nicht kannte und war nicht zurückhaltend mit weiteren Berichten. Offensichtlich ist er nicht der selbe Mann aus dem Gerichtsprozess aus dem 17. Jahrhundert, sondern ein Nachfahre. Seine Gabe sei über die Jahrhunderte von Vater zu Sohn weitergegeben worden und er selbst habe Mosley als würdigen Nachfolger erwählen müssen, da er selbst keine leiblichen Söhne habe. Der Thiess in den Aufzeichnungen war bei Weitem nicht der Erste Träger dieses Mals. Weiterhin konnte er uns praktische Informationen geben: Die Verwandlung ist in der Regel willentlich und nicht an Mondphasen gekoppelt wie bei dem klassischen Werwolf. Ebensowenig zeigt sich eine Aversion zu Silber oder kaltem Eisen. Man behalte dabei außerdem den Verstand. Viel mehr ist nicht aus ihm herauszubekommen, doch er sagt die Wahrheit. Auf weitere Nachfrage versichert er außerdem, dass Mosley der alleinige Erbe seines weltlichen Besitzes werden solle. Dies ist auf jeden Fall eine gute Nachricht für uns. Ob diese „Gabe“ der Wolfsgestalt ebenso schön ist, wie der werte Herr behauptet, wird sich zeigen. Mosley scheint zwar etwas beruhigt, doch noch immer keineswegs glücklich.
Der nächste Vollmond steht an am 11. März. Von Kaltenbrun stritt zwar jegliche bekannte Werwolfsymptomatik ab, doch wir werden es trotzdem sicher angehen. Mr Mosley hat sich selbst dazu entschlossen, die Tage um den Vollmond in einer der Zellen in der Loge zu verbringen.
Bis dahin ist noch eine ganze Weile Zeit. Ich nutze sie, um Wege zu erledigen. Ich habe bei einem Schmied in Stratford ein Kettenhemd anfertigen lassen, nun muss ich mich daran gewöhnen, es zu tragen. Es ist ein deutliches zusätzliches Gewicht auf den Schultern, doch es ist ein gutes Gefühl. Sicherheit, Stärke, Widerstand. Unter der Soutane scheint es außerdem keineswegs aufzufallen. Ich werde es also immer anlegen können, wenn wir uns in Gefahr begeben, ohne mir Sorgen um beunruhigte Blicke und Passanten mit gutem Gedächtnis machen zu müssen.

2. März, 1895 AD
Ich fahre nach Lancaster. Als ich vor einem Monat nach London kam, um nach so langer Zeit Ms. Annabelle einmal wieder einen Besuch abzustatten, hätte ich nicht gedacht, dass sie noch immer so aktiv ist. Die Cabal ist besiegt, doch noch immer lungert mehr Übel unter der Wasseroberfläche. In meiner Naivität scheine ich mir zu große Hoffnungen gemacht zu haben. Nur weil es in Lancashire über die letzten Jahre ruhig geworden ist, heißt das längst nicht, dass die Welt befriedet ist.
Schweren Herzens habe ich daher den Beschluss gefasst, die Arbeit als Pfarrer in der Gemeinde abzugeben. Reverend Martin hat ohnehin den letzten Monat fast alles alleine bewerkstelligt. Ich denke, es wird ihm gut tun. Es wird mir schwer fallen, die Stadt hinter mir zu lassen, aber vielleicht ist es keine schlechte Entscheidung, mit der Vergangenheit abzuschließen und ein neues Kapitel zu beginnen. Ein Kapitel ohne die Last Hayes‘ auf meinen Schultern. Ein Kapitel mit Bedeutung. Es wird keine Geschichte voller schöner oder lustiger oder fröhlicher Taten. Es wird eine Geschichte von Taten, die erledigt werden müssen, zum Wohle der Menschheit und im Namen Gottes.

6. März, 1895 AD
Soeben komme ich mit Mr Finnigan und Miss O’Sheehan von der Connell Farm zurück, wo Miss O’Sheehan ihre magischen Flugfähigkeiten geschult hat. Ich muss eingestehen, dass dieses Erlebnis… einige meiner Überzeugungen erschüttert hat. Und mehr Fragen denn je aufgeworfen hat. Die Quelle höherer Kräfte scheint nicht so singular zu sein, wie zunächst erwartet.
Die Hexen und Hexenmeister, die ich in den vergangenen Jahren aufgespürt und gerichtet habe, schienen ihre Kräfte aus der Kommunion mit Dämonen, Götzen und dem Teufel zu ziehen, angetrieben von Gier nach Macht und Mehr. Doch Finnigan und O’Sheehan erscheinen anders und widersprechen diesem Bild. Ihre Kräfte wurden ihnen in die Wiege gelegt und entfalteten sich in Situationen größter Not. So ist Magie schlichtweg eine natürliche, wenn auch seltene Ausprägung des Seins? Es scheint nicht gänzlich Mendels Regeln der Vererbung zu folgen. Doch spricht das gegen natürliche Quelle? Gott selbst ist nicht gebunden von den Gesetzen der Natur. Er gibt seine Geschenke wem und wie es ihm beliebt. Gibt es Kriterien? Ich will es nicht wagen, die Pläne des Herrn ergründen zu wollen, doch die Welt zu verstehen sollte eines jeden Menschen Wunsch sein.
Die Beiden erscheinen auf den ersten Blick so grundverschieden, doch ich erkenne in ihnen beiden eine brennende Neugier und gewisse Naivität der Welt gegenüber. Ein Glaube an das Gute im Menschen. Doch diese Gottgefälligkeit war keineswegs in den anderen Beschwörern vorhanden. Wenn auch deren Mächte natürlichen Ursprungs waren, dann würde es bedeuten, dass nicht die Magie selbst, sondern der Verstand und die Intentionen des Hexenkünstlers maßgeblich für ihren Verfall waren. Versuchten sie womöglich, ihre von Natur aus begrenzten Mächte durch Bund mit dem Teufel zu stärken?
Es würde so vieles erklären. Kein Mensch ist böse geboren, dies würde den Grundsätzen der Schöpfung zutiefst widersprechen. Ein guter Mensch lässt sich nicht von ungefähr mit dunklen Mächten ein. Doch wenn ein Mensch bereits den Geschmack von Zauberei zu schätzen gelernt hätte und nun auf der Suche nach mehr ist… Und schon klingt der Weg zu okkulten Ritualen gar nicht mehr so abwegig. Düstere Taten aus guter Absicht. Natürlich! Es ist jetzt so offensichtlich!
Doch wird der Menschliche Verstand durch Kontakt zur Anderen Seite unweigerlich geschwächt? Bisher hielt ich dies für unausweichlich, da ich dachte, dass unser Geist nie dazu geschaffen wurde, um solche Mächte zu begreifen. Doch wenn sie natürlichen und damit gottgegebenen Ursprungs sind, so wird der Herr den Menschen auch eine nötige Resilienz geschenkt haben, um sie zu nutzen. Aber habe ich nicht oft genug gesehen, wie Menschen versucht haben, diese Kräfte zu meistern und daran gescheitert sind? Gottes schöpferische Weitsicht schützt uns nicht vor unseren eigenen Fehlern der Hochmut und Gier. Und Zauberei ist ein mächtiges Geschenk, das sehr leicht das Verlangen in uns weckt. Ich sah es bereits in O’Sheehans übertrieben verspielten Übungen heute. Wer zu Großem im Stande ist, möchte dies zur Schau stellen. Das ist menschliche Natur. Das ist Hochmut.
Ich komme also zu dem Schluss, dass Zauberei nicht grundsätzlich anders ist, als andere menschliche Fähigkeiten. Doch mit so großem Potential kommt eine ebenso große Verlockung und Anfälligkeit für die Einflüsterungen des Teufels. Der menschliche Verstand ist diesen unbeschreiblichen Mächten schlichtweg nicht gewachsen und wird damit zunehmend nachgiebig für die Versuchung. Ich werde also Finnigan und O’Sheehan in ihren Handlungen im Auge behalten und bei Zeiten beistehen, sollte es nötig werden. Immerhin sind sie beide gläubige Katholiken, was meine Sorgen um ihr Seelenheil wenigstens etwas beruhigen kann.
Ich sitze hier seit einer langen Weile und sträube mich, einen weiteren Eintrag zu verfassen, doch ich komme nicht daran vorbei.
Es geht um Miss de me Lune. Was ist die Quelle ihrer Macht? Auf natürlichem Wege von Gott verliehen, oder hat sie sich mit Götzen eingelassen und wurde somit durch den Teufel verführt? Ich werde sie dazu befragen müssen. Doch wird sie mir die Wahrheit erzählen, wenn es ist wie befürchtet? Wohl kaum, doch Jahre der Erfahrung als Hexenjäger werden ihr Geheimnis schnell enthüllen.

10. März, 1895 AD
Der Tag vor Vollmond. Mr Mosley hat es sich bereits in seiner Zelle eingerichtet und wirft geziehlt Spielkarten durch die Stangen in einen Hut. Ich drücke ihm einen Rosenkranz mit einem silbernen Kruzifix in die Hand. Möge Gott ihm in den nächsten Tagen beistehen.
Wir teilen Wachen ein, Finnigan, O’Sheehan, Lady Sofia, Annabelle, ich. Mr Mosley wird über die nächsten Nächte nie allein sein. Jegliche Veränderung werden wir beobachten und verhindern, dass er anderen oder sich selbst etwas antun kann.

13. März, 1895 AD
Die Vollmondtage sind vorbei. Nichts ist geschehen. Ich würde nicht davon sprechen, dass es Mr Mosley gut geht. Drei Tage lang hat er in einer Kerkerzelle verbracht und kaum ein Auge zugetan. Doch den Umständen entsprechend geht es im gut. Deinen Humor scheint er zumindest behalten zu haben.
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