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 Januar bis Juni 1895

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Laura
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BeitragThema: Januar bis Juni 1895   Mo Sep 04, 2017 8:55 pm

Zug von Lancaster nach London, 19. Februar 1895

Das sanfte Rattern des Zuges übertönt beinah die tiefen Atemzüge des Reverends. Immer noch haben wir das Abteil für uns. Seit wir unsere Reise in Lancaster angetreten haben, hat sich keine der anderen Zugvögel hierher verirrt. Vor dem Fenster gleitet die englische Landschaft an mir vorbei. Ein Gemälde in grau und braun das nur von ein paar grünen Tupfern gesprenkelt ist, wo Hecken sich unter dem dreckigen Schnee hervorgekämpft haben. Mauern durchziehen die Hügel. Aus den Schornsteinen der Cottages steigt Rauch zum Himmeln. Ich lege die Hand unter mein Kinn und schaue aus dem Fenster. Meine Gedanken sind wie der Pinsel eines Malers. Wo eben noch Tristesse regierte, rebellieren grüne Wiesen auf denen Kirsch- und Apfelbäume wachsen. Rosen in einem zarten Gelb wachsen an den Mauern eines Cottage entlang, während die Dächer mit ebenholzfarbenem Reisig gedeckt und von Efeu überzogen sind. Ich schließe die Augen, aber das Bild vergeht nicht. Jetzt höre ich auch das Geläut einer Dorfkirchen und das fröhliche Schnattern einer Herde Kinder. Mädchen in ihren besten Kleidern - kariertes Leinen oder tiefblauer Samt - die Haare zu Zöpfen geflochten und mit Schleifen gebunden. Jungen in Schuhen die sie an den Zehen drücken und zu eng gebundene Schlipse aus schwarzem Stoff der vom letzten Sonntaganzug ihrer Väter übrig geblieben ist. Die Glocken des Herrn verstummen und die vielen Stimmen der Kirchenbesucher erheben sich im Gesang zu einem einzigen Lob Gottes.


Dann dreht sich Reverend Danforth im Schlaf auf die andere Seite und meine Vorstellungskraft lässt mich in dem tristen Zugabteil zurück. Müde öffne ich die Augen und streiche mir durch das seltsam kurze Haar. Ich muss an den langen kastanienbraunen Zopf denken, den ich in Boston in der himmelblauen Kommode zurückgelassen habe. Ganz von alleine tasten meine Finger über den Bart unter meiner Nase. Seit er sich vor ein paar Tagen gelöst hat, habe ich mir angewöhnt ständig einmal kurz mit den Fingern darüber zu fahren. Diese Geste habe ich einem der Gentleman im Club abgeschaut. Es ist erstaunlich wie viel man lernen kann, wenn man nur hinsieht.


London, am Abend des 19. Februar 1895

Ich drehe den Schlüssel im Schloss und schiebe den schweren Riegel vor. Obwohl dies genügen müsste, bleibe ich an der Tür stehen bis sich die leichten Schritte meiner Zimmerwirtin entfernt haben. Erleichtert atme ich kurz auf. Dann ziehe ich die Vorhänge aus geblümten dunkelblauem Stoff zu. Aber auch das genügt nicht. Ich kann spüren wie mein Herzschlag sich beschleunigt, während ich die Gaslampe ein wenig herunter drehe. Das Licht wirft unheimlich tanzende Schatten auf die gemusterten Tapeten und die Steppdecke. Dampf steigt aus der Badewanne auf und ein angenehm frischer Duft nach Seife und Honig liegt in der Luft. Einen Moment bleibe ich neben der Wanne stehen und gleite mit den Fingern durch das heiße Wasser. Augenblicklich kann ich spüren wie sich die feinen Härchen auf meinem Arm aufstellen. Ich lasse meine Hand in das kühle Nass gleiten. Als ich sie wieder herausziehe, sind meine Finger feucht. Vorsichtig taste ich nach dem Bart und benässe die Haut darunter. Ganz behutsam streiche ich an den Haaren entlang. Die Verkleidung gibt rasch nach und schon halte ich ihn in der Hand, lege den Bart bei Seite und trete vor den Spiegel.
Ohne ihn wirkt mein Gesicht gleich vertrauter. Trotzdem ist mir, als würde eine Fremde zurückstarren. Es ist schon lange nicht mehr das gleiche Gesicht, das mich seit zwanzig Jahren jeden Morgen und jeden Abend aus dem Spiegel gegrüßt hat. Aber etwas an dem Blick meines Ichs zieht mich magisch an. Und so kann ich nicht wegsehen, während ich erst das Jackett ablege und aus dem Hemd schlüpfe. Immer noch schaue ich in den Spiegel. Ich öffne den Gürtel und lege ihn zu den Hosenträgern. Dann ziehe ich auch das fremdeste Kleidungsstück aus.

Ich starre in den Spiegel. Alles was mich von meiner Weiblichkeit noch trennt, sind ein paar Lagen dünnes, straff gebundenes Leinen. Mit zittrigen Fingern taste ich nach einer der Nadeln die alles an ihrem Platz hält. Den Blick fest auf mich selbst gerichtet, ziehe ich sie heraus. Bald schon halte ich alle vier Nadeln in der Hand. Langsam löse ich den Stoff. Blut strömt wieder in meine Brüste und das vertraute Kribbeln beginnt. Mittlerweile binde ich sie jeden Tag so fest ab, dass es schmerzen würde wenn ich die Leinenbahnen zu schnell löse. Schließlich liegt auch der letzte Stoff auf den groben Holzdielen neben meinen Füßen.

Ganz nackt stehe ich vor dem Spiegel. Ein Abbild Evas, wenn da die nicht die kurzen Haare wären. Meine Hände beginnen an meinem Körper entlang zu streichen. Es ist lange her, dass ich mich selbst so gesehen habe. Wenn das Bad vorbei ist, werde ich wieder Quentins Kleider anlegen und das hier wird vorbei sein. Aber auch jetzt fühlen sich Moment wie dieser unwirklich an. Vielleicht unwirklicher als die Tage in der Loge und die Stunden die ich damit verbringe über Büchern voll unheimlicher und seltsamer Kreaturen zu ziehen.
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Laura
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BeitragThema: Re: Januar bis Juni 1895   Mo Sep 04, 2017 9:02 pm

London, 23. Februar 1895

Mein Kopf schmerzt als ich am Morgen nach der Teetasse greife. Ich verspüre kaum Appetit. Bückling und Toast liegen unangetastet auf dem Tablett, dass mir die gute Mrs. Hooper nach oben gebracht hat. Aber es ist nicht die Fremdheit der englischen Küche die mir auf dem Magen liegt. Es ist mein Verstand. Vollständig angezogen sitze ich an dem kleinen Schreibtisch in meinem Zimmer und starre aus dem Fenster, während ich versuche zu begreifen was genau gestern Abend geschehen ist. Das seltsame Treffen, die Seance als schlechtes Schauspiel geplant und dann so viel realer. Meine Gedanken wandern zu Madame Hekate und vor mir liegt die kleine Visitenkarte die ich mitgenommen habe. Ihre Schrift ist fein und grazil, aber ein seltsamer Duft haftet dem Papier an. Etwas dunkles, erdiges das mich an ihr Parfum erinnert. Die Dame ist gestern unfreiwillig zum Spielball einer Wesenheit geworden.

Und dann ist da auch noch mein kleines Problem. Je mehr ich über diese seltsame Welt lerne, desto neugieriger bin ich was die Natur meiner eigenen Fähigkeiten anbelangt. Es ist seltsam. All das begann vor so vielen Jahren und seitdem habe ich mit kaum einer Menschenseele darüber gesprochen aus Angst für verrückt gehalten zu werden. Nicht einmal Gilbert habe ich davon erzählt. Grimmig ziehe ich die Augenbrauen zusammen. Nun ja, es kam immerhin auch eine Menge Dinge die er mir nicht anvertraut hat. Mein schlechtes Gewissen hält sich also in Grenzen.

Meine Gedanken schweifen umher. Kreisen um Madame Hecate, Dorian Gray, meine eigenen Fähigkeiten und viele damit verbundene Fragen. Als ich ein paar Minuten später wieder zu mir kommen ist da der Ring in meiner Hand. Ein trauriges Lächeln auf dem Gesicht streiche ich über das feine Gold und betrachte die Inschrift. Doch bei dem Anblick spüre ich wie mir die Kehle eng wird und so stecke ich den Ring rasch wieder in die Tasche meiner Weste.

Einen Moment bleibe ich noch sitzen, dann greife ich entschlossen nach einer Scheibe Toast und stecke sie mir in den Mund, während ich in Jacket und Mantel schlüpfe. Ein paar Minuten später sitze ich bereits in der nächsten Droschke und fahre hinüber nach Paddington. Irgendjemand sollte mit Madame Hekate reden.

-------------

Als ich später am Tag die Loge betrete, bin ich nicht sonderlich zuversichtlich. Vermutlich war ich der Falsche um Madame Hekate zu erklären, was am Vorabend mit ihr geschehen ist.

"Sie hält mich vermutlich für verrückt", murmle ich in mich hinein, während ich das morsche Regal mit den Büchern durchgehe. Gerade als ich drei vielversprechende Werke über magische Phänome bei Menschen herausgezogen habe, kommt der Reverend auf mich zu. Er sieht nicht gut aus. Sein hageres Gesicht wird noch ernster als sonst - was schon etwas heißen will. Wieder geht es um Ryan Mark, den unehelichen Sohn seines alten Lehrmeisters. Doch ich will nicht über einen Toten richten. Wie sagte doch der Apostel Johannes Kapitel 8, Vers 7: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und ich bin alles, aber kein Mensch der frei von Sünde ist.

Doch wenigstens etwas habe ich heute gelernt. So seltsam diese neue Welt auch ist - diese Insel im Nebel - diese grauen Schrecken die wir von den Menschen verbergen - selbst hier würde man mich mit Misstrauen beäugen wenn man erführe wozu ich in der Lage bin. Ich werde es also vorerst verbergen. Am Ende ist es nur ein weiteres Geheimnisses das es zu bewahren gilt. Dabei sehne ich mich nach Wahrheit und nach Antworten auf meine Fragen. Aber es ist so wie ich es dem Reverend während der Beichte gesagt habe, manchmal scheint die Lüge alles zu sein was uns bleibt, wenn wir Antworten wollten und uns jeder andere Weg verschlossen ist. Es ist kein schöner Weg. Aber einer den ich bis zum Ende gehen werde.

London, 24. Februar 1895

Ryan Mark ist und bleibt uns ein Rätsel. Am gestrigen Abend konnten wir nichts Neues in Erfahrung bringen. Wenigstens sollte es uns heute gelingen Madame Hekate davon zu überzeugen, dass sie über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt. Ich frage mich, wie weit diese Fähigkeiten gehen? Was ist hohler Zauber und Schauspiel - was ist eine echte Gabe? Ist sie vielleicht nur ein Gefäß gewesen. An einem Abend habe ich nicht viel darüber in Erfahrung bringen können was genau während der Seance mit ihr geschehen ist. Umso wichtiger ist es, dass wir sie davon überzeugt bekommen sich in unserer Nähe aufzuhalten oder wenigstens in Kontakt zu bleiben. Wenn es ihr nur ein wenig geht wie mir vor einigen Wochen, dann muss sich gerade alles in ihrem Kopf drehen, während sie versucht der Welt noch einen Sinn zu geben, die dabei ist aus den Fugen zu geraten.

Und dabei frage ich mich, ob man diese eigentümlichen Fähigkeiten nicht nutzen könnte. Ob ich sie nicht bitten könnte, ... aber nein, das ist selbstsüchtig von mir! Ich sollte daran keinen weiteren Gedanken verschwenden.
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BeitragThema: Re: Januar bis Juni 1895   Mo Sep 04, 2017 9:02 pm

Brief an David, 1. März 1895

Mein Liebster,

erinnerst du dich noch daran? - so begann der erste Brief den ich dir damals während meiner Prüfungen aus Boston geschrieben habe. Wie jung wir damals waren und so unbeschwert. In den letzten Tagen habe ich häufig an diese Zeit zurückgedacht und an all die Winterabende vor dem Kamin an denen ich dir vorgelesen habe.

Ich erinnere mich auch daran, wie du meine Geschichten an dich genommen hast um sie einigen Verlegern zu zeigen, ohne mir etwas davon zu sagen. Du kennst mich gut. Du wusstest, dass ich mich nie getraut hätte auch nur einer anderen Person meine Arbeit zu zeigen. “Es reicht für Theaterstücke in der Schule zu Weihnachten. Ich bin doch kein Autor. So etwas könnte ich nie, wer würde lesen wollen was ich schreibe?” Als die Briefe mit ihren Antworten kamen, warst du so stolz und fröhlich. Und ich? Ich war überwältigt. All meine Selbstzweifel hast du einfach nicht beachtet. Du hast an mich geglaubt, auch wenn ich es selbst nicht getan habe.

Aber die Erinnerung daran ist getrübt. Es war ein Geheimnis, dass du vor mir hattest. Ich hätte nie gedacht, dass dir Geheimnisse und Lügen so leicht über die Lippen gehen. Wochenlang hast du kein Wort gesagt und es vor mir geheimgehalten. Was hast du noch alles vor mir geheim gehalten? Wie leicht fiel es dir mir nichts zu sagen? Oder noch schlimmer, mir ins Gesicht zu lügen.

Ich sehne mich nach dir. Ich vermisse dich. Jeden Abend bete ich um deine Sicherheit und hoffe, dass wir einander wiedersehen werden.

Nie hätte ich gedacht, dass die Worte unseres Schwurs sich einmal erfüllen würden. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich. Und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk. Nur der Tod wird mich von dir scheiden.

In Liebe,

Jane
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BeitragThema: Re: Januar bis Juni 1895   Mo Sep 04, 2017 9:02 pm

Quentin an Deck des Schiffes - Kairo, 20. März 1895

Es ist ein sonniger Morgen. Seit wir vor wenigen Tagen Lissabon erreicht haben, scheint es nur noch sonnige Tage zu geben. Vielleicht ist es das Wetter, das mein Gemüt belebt hat oder das blaue Meer. Ich kann mich nicht erinnern Wasser in einem solch strahlendem blau gesehen zu haben. Sowohl zu Hause in Boston als auch in London hatte das Wasser immer die Farbe von dreckigem Schornsteinrauch.

Seit wir England verlassen haben, ist alles so anders. Das Meer, der Himmel und die Sonne sind dabei die kleinste Veränderung. Alles erscheint mir neu, unbekannt und auf eine liebevoll vertraute Art fremd. Es ist beinah als hätte ein Teil von mir sich nach der Weite der Welt gesehnt, ohne dass es mir bewusst war. Fernweh ist eine seltsame Krankheit. Sie ergreift von uns Besitz wenn wir daheim sind. Sie ist ein unsichtbarer Schatten, der uns mit leise seuselnder Stimme ins Ohr flüstert und von fernen Ländern und Menschen erzählt. Ein Hauch von Zimt, Orangen und Pfeffer liegt in der Luft, wenn das Fernweh sich auf unsere Schultern setzt und den Blick zum Horizont lehnt.

Und doch, habe ich mich nie nach diesen Dingen gesehnt. Reisen. Feinen Sand durch meine Finger rieseln lassen und einem Strand entlang rennen oder die Pyramiden erklimmen. Nie habe ich solcherlei Unsinn gemisst.

Aber während ich hier oben an der hölzernen Reling stehe, den Geschmack von Salz auf den Lippen und ein verspielter Wind im so ungewohnt kurzem Haar, beginne ich zu begreifen, dass mich ab heute das Fernweh stets begleiten wird. Ich habe den Blick auf den Hafen von Kairo gerichtet. Vor uns liegt ein Meer aus flachen, weißen Häusern. Vereinzelt strecken Türme sich gen Himmel, als wollten sie mit den Fingerspitzen das tiefe Blau berühren. Hinter mir erklingt die nüchterne Stimme des Reverends. Ich drehe mich um. Seine große, hagere Gestalt steht einige Meter von mir entfernt. Mit der linken Hand deutet er bereits zum Hafen, tief in ein Gespräch mit Miss O’Sheehan vertieft.

Nach einem kurzen Moment wende ich den Blick wieder ab, ein kleines Lächeln auf den Lippen. Als ich es bemerke, streiche ich mir verwirrt über den Mund. Rasch werfe ich noch einmal einen verstohlenen Blick zu den beiden zurück.

Seufzend fahre ich mir durch das Haar. In mir kann ich bereits die Vorfreude auf den heutigen Landgang wie eine Kerzenflamme aufflackern fühlen. Seit wir auf Reisen sind, ist meine Last seltsamerweise Leichter geworden. Angst und Wut sind zwar immer noch da und in meinen einsamen Stunden frage, ich mich noch immer wo David jetzt wohl steckt und ob er überhaupt noch am Leben ist. Aber sie begleiten mich nicht mehr auf Schritt und Tritt. Es ist als hätte jemand den Vorhang zugezogen oder ein Fenster geschlossen. Meine Angst ist leiser, meine Wut gedämpft. Andere Gefühle haben sich einen Platz gesucht. Und das ist gut so. Erst jetzt bemerke ich, dass mir in den letzten Wochen oftmals die Luft zum Atmen gefehlt hat, so schwer lag mir all dies auf der Brust. Und auch wenn andere Lasten hinzugekommen sein mögen, so erdrücken sie mich nicht mehr.

Ich stelle mich ein wenig gerader hin. Mit geschlossenen Augen nehme ich ein paar tiefe Atemzüge der frischen Seeluft. Über mir Schreien Seevögel und mir ist als würden sie mir in in der Vogelsprache zu rufen. Und ich verstehe sie. Sie erzählen von weiteren, blaueren Meeren und seltsameren Orten. Indien, Australien, Südamerika. Am verlockendsten klingen die unbekannten Namen in fremden Sprachen.

Hinter mir ruft der Reverend meinen Namen.

Ich öffne die Augen und überlasse die Lockrufe der Möwen wieder meiner schier endlosen Fantasie. Jetzt geben sie nur wieder unverständliche Schreie von sich die über das saphirblaue Wasser gellen.

Aber ehe ich mich von meinem einsamen Ausguck abwende, wird mir eines klar. Selbst wenn ich David finde und er gnädigerweise unversehrt geblieben ist. Selbst dann kann ich nie wieder zurück. Ich werde nie wieder damit zufrieden sein am Morgen die Glocke zu läuten und in die neugierigen kleinen Gesichter meiner Schüler zu sehen. Es wird keine Radfahrt zur Schule mehr geben. Keine Sonntagsschule und keine kleinen Geschichten für die man einen Mann feiert, den es bis vor wenigen Wochen nicht gegeben hat. Fast täte es mir Leid, denn ich war doch stets zufrieden damit Mrs Jane Finnigan zu sein.

Doch in Zukunft wird mir das nicht mehr genügen. Es ist wie mit meinen Gefühlen. Neugier und Abenteuerlust haben Angst und Wut zurückgedrängt, so wie Quentin Jane verdrängt. Nein, sie haben einander nicht verdrängt. Vielleicht ist es doch eher wie mit dem Fernweh. Quentin war immer schon in mir. Ich habe ihn nur nicht gekannt. So wie ich die Sehnsucht nach fernen Ländern und Menschen nie gekannt habe.

Ich weiß nur eines mit Sicherheit: Wenn all dies vorbei ist, wird eine andere Jane nach Boston zurückkehren. Ich werde nie wieder die Selbe sein und mein altes Leben wird mir nie wieder genügen.
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BeitragThema: Re: Januar bis Juni 1895   Mo Sep 04, 2017 9:03 pm

London, 3. Juni 1895

Liebster David,

Es mag dir seltsam vorkommen, dass ich meine persönlichen Aufzeichnungen (die du wohl nie zu Gesicht bekommen wirst) auf diese Art beginne. Aber während ich diese Zeile schreibe, stelle ich mir vor, du wärst hier und wir könnten miteinander reden. Ich wünsche mir so sehr, dass du jetzt hier sein könntest. Wie gerne würde ich mit dir reden. Was würdest du sagen? Wie würdest du reagieren, wenn du wüsstest was uns in den letzten Tagen alles widerfahren ist und uns noch widerfahren wird?

Es ist so viel geschehen. Mein Kopf scheint vor Gedanken, Sorgen und Zweifeln über zu strömen und wie immer erscheint mir alles gleich leichter, wenn es sich in Tinte auf ein Blatt Papier ergießt.

Also stelle ich mir vor, ich würde mit dir reden.

Gestern nacht bin ich gleich mehrmals aus dem Schlaf geschreckt. Die Gesichter der Toten verfolgen mich im Schlaf. Sie werfen einen Schatten auf mich, der in der Ruhe und Einsamkeit der Nacht sein Grauen entfacht. Auch die Schattenwesen und die Toten von London haben mich in meinen Träumen verfolgt, doch diesmal ist es anders. Es sind die Geister die ich selbst gerufen habe, weil sie durch meine Hand gestorben sind. Weil sie Menschen waren. Was macht es da, wenn ich mir sage, dass es zu unserer Verteidigung geschehen ist? Oder wenn ich mich daran erinnere, dass sie mich zuerst angegriffen haben. Wenn ich nachts an die Decke starre und die furchtbare, erdrückende Schwärze des Zimmer in jeder Faser meines Körpers spüre, macht es keinen Unterschied.

Sie sind da.
Sie warten auf mich.

Meine Geister. Die Menschen die von meiner Hand gestorben sind, ob ich es nun gewollt habe oder nicht. Darauf kommt es nicht an. Am Ende des Tages lagen sie tot zu meinen Füßen.
Aber weißt du, was mich mehr erschreckt als die Erinnerung an ihre leeren Augen?

Ich würde es wieder tun.

Du würdest jetzt die Augenbrauen zusammenziehen und die Arme vor der Brust verschränken. Wundert es dich, dass meine fehlenden Skrupel mich erschrecken können, wo dich doch Vampire gesehen und in Afrika ein gigantisches Krokodil erlegt habe? Wo ich doch mit der Kraft meines Geistes Dinge bewegen und die Gedanken meines Gegenüber nach Willen ergründen kann. Was kümmert es mich da zu wissen, dass ich jederzeit wieder zur Waffe greifen würde um mich selbst oder einen der anderen zu verteidigen. Oder dich.

Jetzt werde ich wieder traurig. Mit jedem Tag scheinst du mir weiter entfernt zu sein, Worauf hast du dich eingelassen? Welchem Schrecken bist du entgegengetreten und nicht zu mir zurückgekehrt?
Fragen.

Fragen auf die ich keine Antwort habe.

Ich werde sie zu all den anderen ungelösten Rätseln legen die ich in einer Schublade meines Geistes aufbewahre.
Vielleicht wird sich der Nebel wenigstens etwas lichten wenn der Zauber der Zigeunerin gelingt.

[...]

Ich habe innehalten müssen um meine Gedanken zu ordnen. Denn das ist auch so einer Sache, die sich mir einfach nicht erschließen will. Wenn ich an den Reverend denke, seinen mahnenden Blick und die warnenden Worte - dann fühle ich mich ein wenig als wäre ich als Kind von meinem Vater bei einem verbotenem allzu späten Spaziergang erwischt worden. Es ist natürlich ernster als das. Man weiß, dass man etwas falsches tut, oder fühlt sich wenigstens schuldig weil man es für Falsch erachten sollte.

Alles gerät mir hier ein wenig durcheinander, weil ich es einfach nicht verstehe. Weil mir die Antworten, die der Reverend gibt, nicht genügen.

Aber wenigstens einer Sache bin ich mir sicher:

Gott hat uns einen freien Willen gegeben. Wenn man von der Liebe absieht, dann ist dies wohl sein größtes Geschenk. Wenn Gott uns also einen freien Willen gegeben hat, dann liegt es in unserer Hand unsere Fähigkeiten und Gaben zum Wohle anderer einzusetzen und niemandem zu schaden.

Was ich tun kann, ist nicht böse.
Es ist aber auch nicht gut.
Es ist ganz allein meine Entscheidung.
Es ist mein freier Wille.

Ist es nicht genau das, was der Reverend gesagt hat? Weshalb also, gesteht er mir und Abby die Freiheit unserer Entscheidungen zu - aber anderen nicht? Weshalb dieses Vorurteile ohne vernünftige Erklärungen? Was müssen er und die Seinen erlebt haben, dass sie etwas verdammen, dass sie nicht verstehen?
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BeitragThema: Re: Januar bis Juni 1895   Mo Sep 04, 2017 9:04 pm

London, 25. Juni 1895

Liebster David,

erinnerst du dich wie meine Eltern reagiert haben, als wir ihnen mitgeteilt haben, dass wir vorhaben zu heiraten? Ein Protestant. Schlimmer wäre wohl nur ein Jude gewesen, oder ein Republikaner. Ich musste gestern daran denken, wie stur wir waren und wie schlimm die ersten Sonntage nach unserer Verlobung waren. Der Kirchgang kam mir wie eine wöchentlich wiederkehrende Folter in feiner Kleidung vor. All die Blicke und das Geflüstert. Wie habe ich es nur ausgehalten den Kopf hochzuhalten? Vermutlich war ich einfach zu stolz um mir anmerken zu lassen, dass mir all das Gerede irgendetwas ausgemacht hat.

Sie ist seltsam die Liebe.

In wenigen Wochen werden wir nach Boston aufbrechen. Lord Blackedda drängt auf einen raschen Aufbruch und ich bin sicher insgeheim wundert es sich darüber, dass ich nicht mehr Leidenschaft zeige. Man sollte erwarten, dass ich diejenige bin die alle dazu drängt nach Hause zurückzukehren um dieser seltsamen Botschaft auf den Grund zu gehen und dich endlich zu finden.

Ich will dich finden. Will wissen was geschehen ist und all die Antworten auf ungestellte Fragen.

Aber ich habe auch Angst. Ich habe Angst davor nach Hause zurückzukehren. Ich habe Angst meinen Eltern zu begegnen oder deiner Mutter in die Augen zu sehen. Ich habe Angst vor unserem leeren Haus.

Ich habe Angst vor dem was am Ende dieses Weges auf mich wartet.

Denn entweder werde ich dich niemals finden oder zu spät sein und und meine Fragen einem Grabstein stellen.

Oder ich finde dich tatsächlich - wir sehen uns wieder - kehren irgendwohin zurück - und du wirst mir Rede und Antwort stehen müssen.

Ich werde Antworten verlangen. All die Geheimnisse, all das Ungesagte und all die Lügen. Was genau hast du vor mir geheimgehalten?

Meistens ist es die Angst um dich oder der Schrecken der vergangenen Wochen der mir den Schlaf raubt und mich nachts aufschrecken lässt.

Aber immer häufiger liege ich nachts wach und starre an die Decke, versuche mir vorzustellen wo du bist und frage mich, warum du mich belogen hast. Was war so schrecklich, dass du es vor mir geheim halten musstest?

Waren es wirklich nur die Rippers oder gibt es da noch mehr ungesagte Geheimnisse die ans Licht gezerrt werden und den letzten Rest des Vertrauens zerstören könnten an das ich mich mühsam klammere.
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Januar bis Juni 1895
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